Traditionen muss man pflegen. Also gibt’s auch dieses Jahr wieder einen Rückblick auf eine meiner Wanderungen – und diesmal gleich auf meine bisher längste. Naja, zumindest längste, dokumentierte Wanderung ( …für die anderen hielt der Akku nicht lange genug… )
Claudia und ich waren dieses Jahr in El Chaltén, Argentinien – dem Wanderparadies schlechthin. Also theoretisch. Jeden Tag ein ordentlicher Regenguss und Windböen die einem glatt Umwerfern gehören quasi zum Touristenprogramm in El Chalten. Sonnenschein dagegen, gilt als seltene Bonusattraktion.
Eigentlich war deshalb nur eine kleine Wanderung geplant. Ganz entspannt: rauf zur Laguna de los Tres, den berühmten Berggipfel des Fitz Roy anschauen und wieder runter. Damit es nicht ganz so langweilig wird, hatte ich eine hübsche Runde über die Laguna Madre und Laguna Hijra geplant. Klingt harmlos. Spoiler: war es nicht.
Früh gestartet – optimistisch wie immer
Wir starteten früh, denn laut Wetter-App soll der Regen erst am Nachmittag kommen. Zügig ging es bergauf zur Laguna de los Tres. Am oberen Moränenrand wurde es dann… sagen wir… interessant. Der Wind war so stark, dass man aufpassen musste, nicht einfach weggeweht zu werden. Alle Wanderer – wir eingeschlossen – lehnten uns schief gegen den Wind. Mit dem witzigen Nebeneffekt, dass es aussah, als hätte jemand den Horizont falsch eingestellt.
Und dann: magisch. Punktgenau oben angekommen, rissen die Wolken auf und der Fitz Roy zeigte sich in voller Pracht. Kurz. Sehr kurz. Ich wollte noch zur Lagune weiter Richtung Gletscher, aber der Wind hatte andere Pläne. Ein Schritt vor, zwei zurück. Ein sinnloses Unterfangen. Claudia hatte längst kapituliert und sich hinter einem Felsen verbarrikadiert. Also: Aussicht genießen, Schokoriegel inhalieren und und schnell wieder weg bevor der Erfrierungstod einsetzt.
- Argentinien | Patagonien | Rio de los Vueltas
- Argentinien | Patagonien | El Chalten
- Argentinien | Patagonien | El Chalten
- Argentinien | Patagonien | Cerro Fitz Roy ( 3405 m )
- Argentinien | Patagonien | Laguna de los Tres | Cerro Fitz Roy ( 3405 m )
- Argentinien | Patagonien | Laguna de los Tres | Cerro Fitz Roy ( 3405 m )
- Argentinien | Patagonien | Cerro Fitz Roy ( 3405 m )
- Argentinien | Patagonien | El Chalten
- Argentinien | Patagonien | Laguna de los Tres | Cerro Fitz Roy ( 3405 m )
Der erste Fehler: Ein Wegweiser
Dann passierte es.
Ein Wegweiser. Zu einer anderen Lagune. Nicht weit. Claudias Blick sagte eindeutig: „Nein.“
Mein Blick sagte: „Jetzt oder nie. “
Wir sind schließlich nur einmal im Leben hier. Also natürlich nach kurzen hin und her: Abzweigung genommen.
So landeten wir auf dem Weg zur Laguna Piedras Blancas mit Blick auf einen gewaltigen Gletscherabbruch. Wir gingen nicht ganz bis zur Lagune, aber vom Viewpoint aus hörten wir das Eis laut knacken. Absolut beeindruckend. Absolut ungeplant. Absolut in die falsche Richtung.
Also alles wieder zurück. Zeit hatten wir jetzt nämlich keine mehr.
Einsamkeit, Regen & schlechte Entscheidungen
Statt direkt nach El Chaltén abzusteigen, bogen wir wie ursprünglich geplant in Richtung Laguna Madre ab. Die Touristenmassen waren weg, die Landschaft wunderschön – und der Himmel vor uns tiefschwarz. Die Regenfront kam näher. Sehr viel näher.
Am Ende der Laguna Hijra war es dann so weit. Regen. Wind. Die Stimmung im Sinkflug.
Claudia stellte ab jetzt im 10-Sekunden-Takt die Frage aller Fragen:
„Warum sind wir nicht einfach mit den anderen runtergegangen?“
Mein größeres Problem: Der Rückweg, den ich geplant hatte – eingezeichnet auf allen Karten und natürlich auch auf meiner Handy-App Komoot – existierte praktisch nicht. Ersichtlich war er jedenfalls bei dem Wetter nicht. Wir haben versucht dem „Weg“ per GPS zu folgen, sind aber nicht weit gekommen, weil da war schlicht weg nur Steppe und Sumpf, aber kein Weg in Sicht.
Plan B (auch bekannt als: „Vertrau mir“)
Also musste schnell ein Plan B her. Laut Handy war es kürzer, Richtung Laguna Torre zu gehen und von dort nach El Chaltén zurück. Ich war begeistert – die Laguna Torre stand sowieso auf meiner Liste. Claudia… eher nicht so.
Ich ging schon mal voraus.
Unterwegs trafen wir einen Einheimischen, ebenfalls klatschnass, der verzweifelt den Campingplatz suchte. Und natürlich fragte er uns Touristen nach dem Weg. Nachdem wir mein Handy dreimal gedreht hatten, waren wir uns fast sicher. Also: ungefähr dort entlang. Aber definitiv nicht in unsere Richtung, wir wollten ja in Tal.
An der Abzweigung zur Laguna Torre half dann auch mein Klassiker „Wir sind nur einmal im Leben hier“ nicht mehr. Wenn Blicke töten könnten…
Endlich bergab
Also direkt bergab nach El Chaltén. Es regnete in Strömen. Der Wind peitschte. Und im Hintergrund lief ein konstantes Raunzen. Aber ich dachte mir: Solange Claudia raunzt, lebt sie noch – also alles gut.
Und ich konnte ihr noch so oft sagen, „wir sind gleich da“, selbst als wir vom Hügel über der Stadt unsere Unterkunft bereits sehen konnten, glaubte sie mir kein Wort.
Fazit
Na gut, nach 36 Kilometern, 2.700 Höhenmetern, davon gefühlt die Hälfte im Regen mit Sturm von der Seite, hat sich Claudia jede einzelne Beschwerde redlich verdient. Und natürlich eine warme Dusche und eine Einladung ins Restaurant gegenüber, weil kochen werden wir heute sicher nicht mehr.
